Sonntag, 19. November 2017

Club50plus-Mitglied 'ottoedgar':

Die gute alte Zeit: Mein Leben auf dem Land

 

AckerDie sogenannte "gute alte Zeit" war nicht immer eine gute Zeit. Für uns Kinder, mit einigen Abstrichen, eine schöne Zeit. Anders sah es bei den Eltern aus. Sie hatten es während des Krieges, aber auch in der Nachkriegszeit nicht immer leicht. Waren es doch die Frauen, welche die größte Verantwortung für das Wohl der Familie tragen mussten. Die Männer waren an der Front oder in Gefangenschaft. Viel zu viele waren gefallen.

Für uns Kinder wurde das ganze Elend zur Gewohnheit und ging im Alltag unter. Jede Gelegenheit fassten wir beim "Schopf", uns von zu Hause abzusetzen, um in Wald und Feld herumzutollen. Aber nicht immer konnten wir unserem Spieltrieb freien Lauf lassen. Oft musste auch richtige Arbeit ausgeführt werden.


So wurden uns von den Bauern ihre Kühe zum Hüten anvertraut. Das Abendbrot gab es dann gratis. Von denjenigen Kindern, deren Eltern keine Landwirtschaft betrieben, wurden nach der Ernte die liegen gebliebenen Ähren eingesammelt, ebenso die Kartoffeln. Im Herbst waren wir zum Sammeln von Bucheckern mit der Mutter unterwegs, eine mühsame Arbeit. Als Lohn für eine Woche Schinderei gab es dann einige Flaschen Öl aus der Ölmühle. Not macht erfinderisch, und so wurde aus Korn oder den Früchten der Eiche (Eicheln) auf einem Kuchenblech „Kaffee“ geröstet. Mit etwas Überwindung war das Gebräu auch genießbar.

Frühjahr: Wildkräuter sammeln
Anfang März, wenn die Wiesen erstes Grün zeigten, war das halbe Dorf unterwegs, die jungen Löwenzahnblätter („Hunnenspeck oder Bettsächer“) zu ernten. Diesen guten und gesunden Salat gab es dann mehrmals die Woche. Als Gemüse waren die jungen Brennnesseln sehr gefragt. Aus ihnen bereitete man ein Mus, ähnlich dem Spinat, eine Bereicherung auf dem Speiseplan. Der Bärlauch, welcher im Frühjahr einen knoblauchartigen Duft im Wald verbreitet, wurde vielseitig in der Küche verwand.

Sommer: Spaß im Heu
Anfang Juli waren viele Leute mit allerlei Behältnissen unterwegs, um Heidelbeeren einzusammeln. Die gab es zu dieser Zeit in großen Mengen in unseren Wäldern. Auch Himbeeren, Brombeeren sowie Holunder waren zum Zubereiten von Marmelade sehr beliebt. Die getrockneten Holunderblüten konnten schweißtreibend bei Erkältungen verabreicht werden. Im Frühsommer, wenn die Heuernte begann, waren die Jugendlichen sehr gefragt. Sie durften auf dem Heuboden, wenn abgeladen wurde, das Heu eintrampeln, damit die folgenden Fuhren noch Platz hatten. Eine wunderbare Beschäftigung, vom obersten Dachbalken des Heuspeichers in das frische Heu zu springen. Dann bekam man manchmal ein Ei vom Bauern als Lohn. Wir sind glückstrahlend mit unserm Verdienst zur Mutter gelaufen, wo wir natürlich sehr gelobt wurden.

Herbst: Die Erntezeit
Wenn die Früchte eingebracht waren und der Herbst über das Land zog, begann die Kartoffelernte, eine harte Zeit für die Bauern. Die Knollen mussten von Hand ausgetan und auf die Streu geworfen werden. Bis wir die Kartoffeln alle ausgemacht hatten, waren diejenigen, die zum Trocknen ausgestreut waren, getrocknet, und konnten dann in Säcke gerafft und auf den Wagen geladen werden, um nach Hause zu fahren. Für die Kinder gab es keine Langeweile. Aus getrocknetem Kartoffelkraut wurde ein Feuer entfacht. In die übrig gebliebene Glut legte man Kartoffeln zum Braten. Ein einmaliger Genuss war es, in die schwarze Kartoffel zu beißen. Mit angeschwärztem Gesicht und Händen fuhren wir mit vollbeladenem Fuhrwerk nach Hause.

Für die Kinder meistens eine gute Zeit. Für die Leute von damals eine schwere, aber nicht immer schöne gute alte Zeit.



© 2010-14 Otto Kuhn, 77 Jahre, Losheim am See


Otto Kuhn
Autor: Otto Kuhn


Die serviceseiten50plus-Redaktion dankt 'ottoedgar' - so lautet sein Mitgliedsname in unserem Club50plus - ganz herzlich für diesen Beitrag. Otto Kuhn ist ehrenamtlicher Aktiver in unserer Redaktion.


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