Sonntag, 19. November 2017

Club50plus-Mitglied 'ottoedgar'

Der Traum vom eigenen Kirschbaum


geschmückter Kirschbaum-StumpfEs war schon immer ein Kindheitstraum meiner Frau, der eigene Kirschbaum im Garten. Eines Tages sollte ihr Wunsch in Erfüllung gehen. Vor vierzig Jahren, als unser Eigenheim fertig gestellt war, wurde ein kleiner Kirschbaum mit viel Liebe auf unserem Anwesen gepflanzt. Jeden Tag, den Gott erschaffen hatte, nahmen wir das Bäumchen in Augenschein, ob nicht irgend etwas seinen Wachstum behindern könnte. Doch zur Freude der ganzen Familie gedieh das so gehegte Bäumchen immer besser heran. Jedes Jahr wurde der Baum stärker und größer, wobei er nach einigen Jahren die ersten Früchte hervorbrachte. Es gab nur eine Handvoll der roten Kirschen, diese waren aber besonders süß und saftig.

Eine Attraktion für Mensch und Tier
Nach und nach entwickelte sich unser Bäumchen zu einem Riesen, der kraftvoll seine Arme mit den tausenden von kleinen Ästen empor streckte und sein Blätterdach wie einen gewaltigen Baldachin erscheinen ließ. Niemand ging an diesem Prachtexemplar vorbei, ohne seine Bewunderung auszudrücken. Wir waren stolz auf unseren Baum und freuten uns täglich über seinen Wuchs. Mittlerweile war er im ganzen Dorf bekannt. Viele Hobbyveredler wurden auf den Plan gerufen, und jeder wollte ein Edelreis erstehen, aus dem vielleicht ein solch prächtiger Baum heranwachsen könnte. Besonders attraktiv stellte er sich zur Blütezeit dar. Ein riesiger Blumenstrauß, der jedem Betrachter das Herz höher schlagen ließ. Der in der Luft liegende Blütenduft zog mit magischer Kraft ganze Bienenvölker an. Ein Konzert könnte nicht schöner sein als das Summen der unzähligen Bienen, welche eifrig von Blüte zu Blüte unterwegs waren, um den lebenswichtigen Nektar zu sammeln. Dagegen war die träge Hummel, die brummend ihr Glück versuchte, eine lahme Ente.

Nach der Blüte, wenn die ersten feinen Blätter ansetzten, erwachte das Leben erst richtig in dem jetzt schon weißgrünen Geäst. Unsere gefiederten Freunde suchten die Nistkästen auf, welche sie im vorigen Jahr mit ihrer großen Kinderschar verlassen hatten. Es war eine Freude, ihnen beim Nestbau zu zusehen. Unaufhörlich wurde der Nistkasten aufgesucht, bis es nach einigen Tagen ruhiger wurde. Nur noch ab und zu verschwand einer der bunten Freunde in seiner Behausung. Gleich darauf tauchte er wieder auf. Ein sicheres Zeichen dafür, dass der Vorgang des Brütens in vollem Gange war. Leises Zischen und Piepsen zeigte uns später an, dass der Nachwuchs sich schon lautstark bemerkbar machte, wobei die Eltern den ganzen Tag auf Trab waren, um die hungrigen Mäuler zu stopfen. Viele Vogelarten waren in unserem Baum heimlich. Da hüpften Kohlmeisen, Rotkehlchen, Blaumeisen und sogar der wohlgenährte Dompfaff machte es sich unter dem Blätterdach gemütlich. Auch die laut schnatternden Stare, sowie die aufdringlichen Elstern konnten ihn nicht vertreiben.

Kein Frühling ohne Kirschbaum-Feier
Jahrelang freuten wir uns über das muntere Treiben in unserem Baum, bis ihn eines Tages das Alter immer schwächer werden ließ. Altersbedingte Krankheiten setzten ihm jeden Tag mehr zu. Seine mächtige Krone begann sich bedrohlich zu lichten. Ein Teil der Blätter, die der Baum zum Leben brauchte wie der Mensch die Luft zum Atmen, wurden dürr und fielen zu Boden. Viele der so starken Äste des einst kerngesunden Baumes waren kahl und starben ab. Der Stamm wurde rissig, wobei immer mehr Ungeziefer unter der aufgeblatzten Rinde ihr schädliches Unwesen trieb.

Eines Tages mussten wir, so leid es uns auch tat, bei unserem Freund die Säge anlegen, um ihn in das Reich seiner Ahnen zu stürzen. Ein Teil seines Stammes steht heute noch in unserem Garten. In jedem Frühjahr wird er liebevoll mit bunten Blumen geschmückt, und erweist sich als wahre Augenweide für den aufmerksamen Betrachter. Wir würden uns freuen und hoffen, wenn uns der alte, blumengeschmückte Stamm noch viele Jahre erhalten bleibt.

Vergessen werden wir unseren Kirschbaum nie, der für Mensch und Tier in all den Jahren viel zu bieten hatte, und das ganz ohne Ansprüche. Er besteht auch weiterhin in unserem Traum, der Kirschbaum im eigenen Garten.


© 2008 Text und Foto: Otto Kuhn, 72 Jahre, Losheim am See


Die serviceseiten50plus-Redaktion dankt 'ottoedgar' - so lautet sein Mitgliedsname in unserem Club50plus - ganz herzlich für diesen Beitrag. Wir freuen uns sehr, auch ihn als neuen ehrenamtlichen Aktiven in unserer Redaktion begrüßen zu dürfen.

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