Samstag, 01. November 2014

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Erinnerungen an damals: Tante-Emma-Laden & Co

 

Was waren das noch Zeiten, als man im "Tante-Emma-Laden", gleich um die Ecke, einkaufen konnte. Von süßem Rübenkraut bis zum Salzhering aus dem Fass wurde alles angeboten, was man im Haushalt benötigte. In den meisten Läden war Anstellen angesagt - eine gute Gelegenheit, Neuigkeiten auszutauschen und Freundschaften zu pflegen. Auch sonntags konnte man an der Wohnungstür des Ladenbesitzers klingeln, wenn man etwas vergessen hatte, das man dringend brauchte. Man war nicht nur Kunde, man gehörte sozusagen zur Familie.

Aber das ist lange her. Auch sonst ist vieles, was früher für das alltägliche Leben notwendig war, dem Zeitgeist zum Opfer gefallen.


Von Hausschlachtungen, Dorfschneidern und Fliegenden Händlerm
So gab es in jedem Ort auf dem Land einen stolzen Ziegenbock, der bei der Nachbarschaft wegen seiner Ausdünstung nicht unbedingt Jubelstürme hervorrief, für die Ziegenhaltung jedoch von größter Bedeutung war. Nicht selten sah man die Besitzer von Ziegen voller Stolz mit ihrer "Bergmannskuh" auf dem Weg - den Nachwuchs sichern. Auch Schweinehalter waren manchmal mit dem an einem Bein angebundenen, grunzenden Mutterschwein in Richtung Eber unterwegs, was regelmäßig einige Nerven kostete. Richtig sauer wurden die Bauern, wenn sie den Weg einige Male wiederholen mussten.

Hausschlachtungen waren im Spätherbst an der Tagesordnung. Von der an der Hauswand schräg angestellten Leiter hing das geschlachtete Schwein bis zu seiner Verarbeitung. Am Schlachtfest gab es dann selbst gemachte Hausmacher Blut- und Leberwurst. Wurstsuppe, Griebenschmalz, ab und zu brachte man auch mal ein Ringel Wurst zum Nachbarn.

In jedem Dorf gab es eine Schneiderei. Der Anzug oder das Kleid wurden dort nach Maß angefertigt. Am Biertisch wird von einem Schneider berichtet, welcher beim Maßnehmen etwas verwechselte, und statt die hängende Schulter mit einem Wattepolster zu erhöhen, ein Hosenbein um drei Zentimeter kürzte. In der Regel waren die Schneiderinnen und Schneider hervorragende Handwerker. Jedes Kleidungsstück musste gut sitzen und jahrelang halten. Nicht wegzudenken aus der Gesellschaft war der Schuster. Er reparierte nicht nur die ausgetretenen Latschen, sondern fertigte auch neue Schuhe nach Maß an. Sie mussten passen und seinem Träger lange Freude bereiten.

Einmal im Monat kam ein kunterbuntes Auto vorbei, das uns Kinder alle anzog. Rund um das Auto hingen allerlei Sachen: Seihschüsseln, Mehlsiebe, Pfannen, Bettflaschen, Waschschüsseln - eigentlich alles, was Mutter im Haushalt brauchte. Für uns ging eine besondere Anziehungskraft von dem Auto aus. Es gab immer etwas Neues zu entdecken. Auch Händler mit Koffern gingen von Haus zu Haus und boten vielerlei Textilien wie Büstenhalter und andere Unterwäsche oder auch Hemden an.

Ein Ereignis besonderer Art, wenn der alte "Deppenflecker" seine diversen Dienste anbot. Alles was undicht war, vom Kochtopf über die Pfanne bis zum Eimer wurde repariert. An keine bestimmte Zeit gebunden war der Scherenschleifern. Er war das ganze Jahr unterwegs. Sein Ruf: "Der Scherenschleifer ist da!" rief nicht nur die Kunden, sondern auch die Kinder auf den Plan, welche begeistert dem Mann mit seiner fahrenden Werkstatt - ein aufgeständertes Fahrrad - bei der Arbeit zuschauten.

Die richtige Würze in Topf und Pfanne zu bringen, war Zuständigkeit des allseits bekannten und beliebten "Knoblauch- August". Seine Kunden schätzten nicht nur die würzigen Knoblauchzehen, sondern auch den Menschen, der bei Wind und Wetter seine Ware anbot. Längst vergessen ist auch der Mann, der die Haushalte mit selbst gebundenen Besen aus Reisigzweig versorgte. Der taubstumme, schwer behinderte Händler mit dem Schlachtruf "Kaaf em ärmen Deiwel en Besen af" - das glaubten zumindest viele zu verstehen - trug eine Riesenbürde auf dem Rücken und versuchte, sein Brot zu verdienen. Nicht immer mit Erfolg.

Von Februar bis April war die Frau mit dem Löwenzahn unterwegs, um den frisch geernteten Salat den Leuten anzubieten. Oft eine deprimierende Arbeit. Es war meistens der letzte Ausweg von Haus zu Haus zu ziehen, um die Kinder zu ernähren. Es waren fleißige Leute, die von morgens bis abends unterwegs waren, um ihre Waren anzubieten, die nicht selten für einen Hungerlohn ihren Besitzer wechselten. Manche Leute schlugen ihnen die Türe vor der Nase zu. Dabei ließen sie Menschen zurück, die nicht wussten, wie sie den nächsten Tag überleben sollten.

Der Fortschritt - ein Rückschritt für viele ältere Landbewohner
Aber das ist alles Schnee von gestern. Den Handel vor der Haustür, wie es früher war, gibt es nicht mehr. Der Einkauf im Supermarkt hat den "Tante-Emma-Läden" den Todesstoß versetzt. Durch unser Einkaufsverhalten haben wir alle dazu beigetragen, dass vielerorts alle derartigen Geschäfte verschwunden sind und eine wertvolle Tradition verloren gegangen ist.

Auch die Selbstständigkeit hat darunter gelitten. Besonders alte Leute auf dem Land sind auf andere angewiesen. Sie können ohne Fahrgelegenheit weder den Arzt noch einen Markt aufsuchen, um das Nötigste zu erledigen. Ein Zustand, welche die Betroffenen unweigerlich in die Isolation führt.


© 2011 Text: Otto Kuhn, 73 Jahre, Losheim am See



Otto Kuhn
Autor: Otto Kuhn


Die serviceseiten50plus-Redaktion dankt 'ottoedgar' - so lautet sein Mitgliedsname in unserem Club50plus - ganz herzlich für diesen Beitrag. Otto Kuhn ist ehrenamtlicher Aktiver in unserer Redaktion.


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