Donnerstag, 18. Dezember 2014
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Friedhöfe verlieren an Bedeutung

Alternativen bevorzugt: Bestattungskultur im Wandel

baumgesäumter Weg auf einem FriedhofUnsere Jahrtausende alte Bestattungskultur befindet sich in einem gravierenden Wandel. Die Gründe dafür sind vielfältig: Individualität, Flexibilität und Mobilität der Menschen nehmen zu, traditionelle Familienstrukturen zerfallen und die Schere zwischen Arm und Reich wird größer. Erdbestattungen im Sarg und Gräber mit Blumen und Grabsteinen werden immer seltener und häufig abgelöst durch andere Bestattungsformen.
Damit stellt sich auch die Frage: Welche Zukunft haben unsere Friedhöfe?

Alternative Bestattungsformen gefragt

Im Jahr 2014 werden rund 54,5 Prozent der Verstorbenen in Deutschland verbrannt, 2010 waren es 46 Prozent - so Zahlen des Bundesverbandes Deutscher Bestatter. Das zeigt: Urnengräber und zunehmend auch Kolumbarien (Gebäude oder Gewölbe mit Urnennischen) gewinnen an FriedhofspforteBedeutung. Anders als in früheren Zeiten ist seit einigen Jahren ebenso die anonyme Beisetzung immer häuifger gefragt: Auf speziellen Gräberfeldern, in Friedwäldern, in Form traditioneller Seebestattungen oder durch Verstreuen der Asche.

Auch das Kremieren der Leichen im benachbarten Ausland ist inzwischen keine Seltenheit mehr. Die Asche der Verstorbenen kann anschließend nach eigenen Vorstellungen "beigesetzt" werden: im Garten, sei es auf der Fensterbank oder im Schrank. Es besteht beispielsweise auch die Möglichkeit, sie zu einem Diamanten zusammenpressen zu lassen. 

Bedeutung von Friedhöfen als letzte Ruhestätte schwindet

In diesem Wandlungsprozess geht der Stellenwert des Friedhofs verloren. Die Städte und Gemeinden brauchen keine Erweiterungsflächen mehr. Vielerorts kommt es sogar zu einem Überangebot an Friedhofsflächen und alten Friedhöfen. Allein in Deutschland müssen in den nächsten Jahren für Hunderte Friedhöfe neue Wege gefunden werden.

Grabstätte Haseberger Friedhof Osnabrück An der Hochschule Osnabrück wird nun innerhalb eines durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) geförderten Projekts wissenschaftlich untersucht, was man mit alten Friedhöfen nach ihrer Entwidmung machen kann. Als Beispiele dienen zwei Osnabrücker Friedhöfe von 1808, der Hase- und der Johannisfriedhof. Beide werden zum Ende des Jahres 2015 entwidmet.

Ein durchaus überraschendes erstes Ergebnis dieser wissenschaftlichen Studie besteht darin, dass es in diesem Zusammenhang kaum wirklich befriedigende Lösungen gibt. Selbst der "Königsweg", ehemalige Friedhöfe in Parks umzuwandeln, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als problematisch. Vielerorts verkommen diese "neuen Parks" zu ungepflegten Freiräumen: Grabsteine werden beschmiert und umgekippt, Drogen konsumiert, Müll wird hinterlassen. Hundebesitzer lassen ihre Tiere trotz Leinenzwang frei laufen. Die Angehörigen der Begrabenen und Kulturinteressierte trauen sich hier oft nicht mehr her. 

Neue Konzepte für die Nutzung von Friedhöfen gesucht

Viele Beispiele in Deutschland - wie der Überwasser-Friedhof in Münster, der Albani-Friedhof in Göttingen oder der St.-Petri-Friedhof in Braunschweig u.v.m. - machen es deutlich: Die schlichte Umwidmung in eine Grünanlage geht oft mit einem großen Verlust an Grabmalen, Wegeführung, Pflanzenbestand und Ähnlichem einher. Die ehemaligen Friedhöfe werden vielerorts nicht mit dem nötigen Respekt behandelt. Der Alte St.-Nikolai-Friedhof in Hannover etwa hat heute keine Abgrenzung mehr. Eine viel befahrene Straße führt mitten hindurch. Ein großer Teil seiner wertvollen Substanz ist verloren. Dies sind alles Gründe dafür, dass bereits vor der Entwidmung eines Friedhofs ein Konzept für die Zukunft der Fläche vorliegen sollte - sowohl für die Pflege als auch für die Nutzung.

Grabstein mit Relief-BildmotivUm die dafür erforderlichen Informationen zu sammeln, ist die Hochschule Osnabrück bei ihrem wissenschaftlichen Projekt in besonderem Maße auf eine Diskussion mit einer interessierten Öffentlichkeit angewiesen. Während der Beschäftigung mit dem Thema wurde immer deutlicher, wie gravierend die Frage nach der Zukunft ehemaliger Friedhöfe eigentlich ist und dass sie viele Menschen berührt. Deshalb soll jetzt ein Modell entwickelt werden, das möglichst überall umgesetzt werden kann.

Vielleicht müssen ganz neue Formen eines Friedhofswesens entstehen. In diesem Zusammenhang kann man eventuell auch von der jüdischen und muslimischen Friedhofskultur lernen: Dort sind Grabstätten Orte der Ewigkeit und das Andenken der Verstorbenen bleibt in gewisser Weise dauerhaft gegenwärtig. Deshalb stellen sich Fragen wie: Warum müssen bei uns alte Grabstätten immer vollständig abgeräumt werden? Warum können nicht der Name des Verstorbenen und die Lebensspanne sichtbar bleiben?



- REFR / Online-Redaktion serviceseiten50plus.de -
- © Fotos: GPP

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