Sonntag, 19. November 2017
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Schauspielerin und Autorin Dorothea Neukirchen:

Wie wohnen im Alter? - Gedanken einer Betroffenen

Dorothea NeukirchenDas eine Leben ist gelebt. Kommt nun noch eins? Wie will man wohnen in den vielleicht zwanzig, dreißig oder gar vierzig Jahren, die laut Statistik noch warten? Einsam soll das Alter nicht werden, aber selbstbestimmt und so lange unabhängig wie irgend möglich. Man möchte keinem zur Last fallen, besonders nicht den eigenen Kindern. Noch nie gab es soviel Freiheit und Möglichkeiten. Was tun mit der großartigen Freiheit?

Taugt das studentische Konzept der Wohngemeinschaft auch für die dritte Lebensphase? Ist der Umzug in  ein Mehrgenerationenhaus die Lösung? Oder lieber selber ein Wohnprojekt gründen? Mit Freunden ein Haus oder eine Wohnung suchen? Jeder für sich und doch gemeinsam.

Ideen tauchen auf und scheitern an der zähen Realität, an unterschiedlichen Vorstellungen, an unterschiedlichen finanziellen Mitteln. Die ideale Balance zwischen Nähe und Distanz, Selbstbestimmtheit und Kommunikation, Aktivität und Ruhe scheint für jeden anders zu sein. Die eine für alle gültige ideale Balance gibt es anscheinend nicht. Es fällt ja noch nicht einmal leicht, die Balance der eigenen Wünsche zu bestimmen. Vorgestern war sie so, heute so, und morgen womöglich noch einmal anders.

Also das Ideal los lassen und das Ganze pragmatisch angehen.

Was spricht für eine Veränderung? Vielleicht ist die alte Familienwohnung zu groß geworden. Da stellt sich die Frage: Sich verkleinern oder jemanden ins alte Kinderzimmer einziehen lassen? Einen Freund, einen bis dato Unbekannten, oder einen Studenten? Womöglich nach dem in manchen Städten praktizierten Konzept "Wohnen für Hilfe". Doch so hilfsbedürftig ist man Gott sei Dank noch nicht. Man könnte eine regelrechte WG aufmachen. Die Küche zu teilen könnte Spaß machen, aber das Bad? Fremde Haare im Ausguss? Ein zweites Bad muss her. Dafür müsste man die Wohnung erstmal umbauen. Und dann???

Tausend Ängste tauchen auf. Wie die richtigen Mitbewohner finden? Am Ende ist das mit der gemeinsamen Küche doch nicht nur nett. Der eine steckt die Gabeln mit der Spitze nach unten in die Spülmaschine, damit sie nicht pieken, die andere meint, sie würden nur sauber, wenn die Zinken frei stehen. Wer will sich über so etwas zanken?  Da hat man ja keine Ruhe mehr. Da kann man die Dinge womöglich nicht mehr machen, wie man sie immer gemacht hat, und das ausgerechnet im Alter! Wie wäre es mit einer Seniorenwohnanlage? Da hat man den Komfort eines Hotels, Sicherheit, keine Arbeit mit dem Alltag und Kommunikation, wenn man sie denn will. Dauerurlaub im gepflegten Ambiente.

Doch möglicherweise ist genau das der Nachteil. Die Altersforschung behauptet, dass ein gewisses Maß an Herausforderungen uns jung hält. Ein nicht allzu reibungsloser Alltag sei das beste Training. Wer sich im Alter noch mal einem sozialen "Abrieb" aussetze, beispielsweise in einer gemeinschaftlichen Wohnform, der habe bessere Chancen auf ein so genanntes gutes Altern, heißt es in der Studie "Gemeinschaftliches Wohnen im Alter". Konstruktive Auseinandersetzung als Übungsfeld. Gehirntraining im Zusammenleben, statt mit Hilfe von Sudokus.

Der größte Feind im Alter ist die Verhärtung, nicht nur die der Herzkranzgefäße. Die gute Nachricht ist: Wir haben bis zu einem gewissen Grad die Wahl. Wir können starrer werden oder flexibler, Veränderungen bekämpfen oder sie willkommen heißen, das Altern als Schrumpfungsprozess begreifen oder als Abenteuer Alltag.

"Es ist weise, aus jeder Quelle zu lernen - von einem Trunkenbold, einem Tropf und einem alten Pantoffel." (Rabelais)



© Dorothea Neukirchen


Zur Autorin: Dorothea Neukirchen ist Schauspielerin, Autorin und Coach. Sie hat viele Fernsehfilme geschrieben und inszeniert, Hörspiele, Features und Bücher geschrieben. Mehr über ihre Person, ihre Schauspielarbeit und ihre Bücher erfährt man auf www.dorothea-neukirchen.de. Wer ihr einstündiges Hörfunkfeature zum "Wohnen im Alter" verpasst hat, kann sich an sie wenden unter E-Mail: mail[at]dorothea-neukirchen.de



Literaturliste zum Wohnen im Alter:

  • Studie "Gemeinschaftliches Wohnen im Alter: Von der Idee bis zum Einzug" Deutsches Zentrum für Alternsforschung Universität Heidelberg, Abteilung für Soziale und Ökologische Gerontologie 2005
  • "Die schöne Gegenwart" von Leonie Ossowski, Roman, Verlag: Piper
  • “Eurotopia - Gemeinschaften und Ökodörger in Europa“
    von Michael Huber, Volker Peters Verlag 2007
  • “Gemeinschaftsbildung: Der Weg zu authentischer Gemeinschaft“
    von M. Scott Peck, Olaf Jungbluth, Lilut Janisch, und Anne Lohmann (Oktober 2007)
  • "Residenzen 2010 Premium Wohnen im Alter", Verlag: Edition Neureuther
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