Verblüffendes Forschungsergebnis
Schlaganfall: Bessere Genesungschancen für Bein-Kreuzer
Jahr für Jahr erleiden rund 150.000 Bundesbürger einen Schlaganfall. Er ist die dritthäufigste Todesursache und die häufigste Ursache dauerhafter Behinderung. Nun beobachteten Forscher ein erstaunliches Phänomen, das die Prognose für Schlaganfall-Patienten erheblich vereinfachen und verbessern könnte: Patienten, die nach einem Schlaganfall die Beine kreuzen können, haben bessere Überlebens- und Genesungschancen.
Alle drei Minuten ereignet sich in Deutschland ein neuer Schlaganfall, alle neun Minuten stirbt ein Patient an den Folgen. Alle denen, die einen schweren Schlaganfall überstehen, können Ärzte vielleicht schon bald mit einer einfachen und schnellen Prognose beim weiteren Behandlungsverlauf untersützen: Denn wahrscheinlich haben Patienten deutlich bessere Überlebens- und Erholungschancen, die in den Tagen nach dem Schlaganfall ihre Beine übereinander schlagen können, als Patienten, die dazu nicht in der Lage sind. Das ist das verblüffende Ergebnis einer im Oktober 2011 veröffentlichten Studie von Neurologen am Klinikum der Universität München.
Bestätigen sich die Befunde in weiteren Studien, könnte jeder Arzt künftig mit dem simplen Mittel herausfinden, welche Patienten noch früher und intensiver mit der Rehabilitation beginnen sollten, weil ihre Aussichten besonders günstig sind. Bislang brauchen die Mediziner für derlei Prognosen aufwändige Technik und Berechnungsverfahren.
Nur manche Schlaganfall-Patienten sind "Bein-Kreuzer"
"Die Aussagekraft unserer Studie ist wirklich gut", sagt der Neurologe Dr. Dr. Berend Feddersen und erzählt, dass die neue Erkenntnis aus einer Zufallsbeobachtung der Ärzte auf der Intensivstation im Klinikum in Großhadern entstanden ist. "Immer wieder kreuzten manche Patienten spontan ihre Beine, was zunächst nur gemütlich ausgesehen hat. Aber irgendwann hatten wir das Gefühl, dass es genau denen später besser geht als den anderen.“ Was bei genauerer Betrachtung auch nicht unlogisch erscheint, denn das Überschlagen der Beine ist ein Zeichen von unwillkürlicher Bewegung, die die Ärzte meist gar nicht wahrnehmen und die vielen dieser Patienten kaum mehr möglich ist.
Studie zeigt sehr unterschiedliche Genesungschancen
Um ihre Beobachtung auf wissenschaftliche Füße zu stellen, bildeten die Münchener Ärzte aus ihrer Patienten-Klientel in der Neurologischen Intensivstation zwei Gruppen: 34 Patienten, die nach dem schlimmen Ereignis während ihrem Aufenthalt auf der Neurologischen Intensivstation spontan ihre Beine kreuzten und 34 Patienten, die das nicht taten. Alle Patienten waren ungefähr gleichen Alters und mit schweren Schlaganfällen eingeliefert worden, wurden künstlich beatmet und waren meist bewusstlos. "Alle hatten extrem schlechte Ausgangswerte bei der Aufnahme in unsere Klinik", sagt Feddersen. Ihre weitere Entwicklung beobachteten die Forscher dann ein Jahr lang.
Das Ergebnis: In der Gruppe der "Bein-Kreuzer" starb nur ein Patient, in der Vergleichsgruppe hingegen 18 Patienten! Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus hatten die "Bein-Kreuzer" deutlich weniger neurologische Symptome wie Sprach- oder Bewegungsstörungen. Die Unterschiede hielten sich bis ans Ende des Beobachtungszeitraums. Die "Bein-Kreuzer" konnten auch selbstständiger leben. Interessanterweise waren diese positiven Effekte jedoch nur zu sehen, wenn das Kreuzen der Beine in den ersten 15 Tagen nach dem Schlaganfall auftrat.
"Wir verfolgen diesen neuen Ansatz in jedem Fall weiter", betont Dr. Feddersen, "und wollen die neue Methode nun noch einmal intensiv mit den derzeit etablierten Prognose-Verfahren vergleichen."
- REFR / Online-Redaktion serviceseiten50plus.de -
- Quelle: Klinikum der Universität München / Foto: A. Steeger, LMU-Klinikum




