Sonntag, 23. September 2018
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Die "Priscus-Liste" - 83 gefährliche Wirkstoffe für Ältere

Vor allem Seniorinnen erhalten ungeeignete Arzneimittel

PillenÄltere Menschen über 65 Jahren konsumieren durchschnittlich fast fünf Mal so viele Medikamente wie jüngere Menschen. Dabei sind Senioren viel anfälliger für unerwünschte Nebenwirkungen. Die sogenannte Priscus-Liste im Rahmen des Bundesprojektes "Gesundheit im Alter" enthält 83 Wirkstoffe, auf die im Alter möglichst verzichtet werden sollte. Trotzdem erhält etwa jeder vierte Patient mindestens eines der potenziell gefährlichen Arzneimittel - dabei vor allem Frauen im Seniorenalter.

Medikamente im Alter mit mehr Neben- und Wechselwirkungen

Im fortgeschrittenen Alter reagiert der Körper anders auf Arzneimittel als in jüngeren Jahren: Nieren und Leber funktionieren nur noch eingeschränkt. Das Immunsystem ist gestört und die Muskelmasse geringer als bei jungen Menschen. Das führt dazu, dass ältere Menschen die chemischen Substanzen der Arzneimittel langsamer abbauen. Viele Senioren sind gleich mehrfach erkrankt und benötigen eine umfangreiche Medikation, deren Wechselwirkungen für den behandelnden Arzt kaum zu überschauen sind. Das stellt Ärzte in der Praxis häufig vor das Dilemma, ältere Patienten mir mehreren Leiden angemessen zu versorgen, ohne ihnen mit den Medikamenten zusätzlich zu schaden.

Eine konkrete Hilfe soll vor allem Ärzten die Priscus-Liste bieten, die 83 Wirkstoffe aufführt, für die das Nutzen-Risiko-Verhältnis bei älteren Menschen als ungünstig bewertet wird. Herausgeber der Liste ist ein Forschungsverbund an mehreren deutschen Hochschulen. Förderer ist das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Altersforschungs-Projektes "Gesundheit im Alter".

"Frauen nehmen besonders häufig Wirkstoffe ein, die für ältere Menschen ungeeignet sind", sagt Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). "Es ist egal, welche Altersgruppe der über 65-Jährigen man betrachtet. Von den weiblichen Patienten erhalten rund fünf bis sieben Prozentpunkte mehr als bei den Männern einen Wirkstoff aus der Priscus -Liste."

Gefährlich, aber oft verschrieben:  Doxazosin - Amitriptylin - Etoricoxib

Unter den 20 am häufigsten verordneten Wirkstoffen der Priscus-Liste befanden in Auswertungen der AOK über die Jahre hinweg vor allem psychogene Substanzen wie Schmerzmittel und Antidepressiva sowie Mittel zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese Verteilung hat sich auch im Beobachtungsjahr 2011 nicht verändert:

Hier die "Top 3" der als risikoreich bewerteten, aber häufig verordneten Medikamente:

  • Platz 1: Der mit mehr als 22 Millionen Tagesdosen am häufigsten an AOK-Patienten über 65 Jahren verordnete Wirkstoff war das Bluthochdruckmittel Doxazosin.

  • Platz 2: Knapp 20 Millionen Tagesdosen wurden von Amitriptylin verordnet. Dieser Wirkstoff gehört zur Gruppe der Antidepressiva, die auf der Priscus-Liste besonders stark vertreten sind. Weiblichen Patienten wird Amitriptylin etwa drei Mal so häufig wie Männern verschrieben.

  • Platz 3: Von dem Medikament Etoricoxib wurden über 13,4 Millionen Tagesdosen abgegeben. Auch dieses Rheumamittel wird deutlich häufiger an Frauen verschrieben - sie nehmen mehr als doppelt so viel Etoricoxib wie die Männer ein.


Laut AOK erklärt die hohe Konzentration der Priscus-Wirkstoffe auf ganz bestimmte Krankheitsbereiche, warum vor allem Hausärzte, Internisten und Nervenärzte die potenziell gefährlichen Wirkstoffe verordnen.

Doch auch Urologen verordnen sehr häufig Priscus-Wirkstoffe. Nervenärzte verschreiben etwa jedem zweiten ihrer Patienten über 65 Jahren einen der betroffenen Wirkstoffe. Bei den Hausärzten waren es ein Drittel der Patienten. Darüber hinaus verordnen Nervenärzte deutlich mehr Tagesdosen pro Patient als ihre Kollegen aus anderen Fachbereichen. Während ein Allgemeinarzt im Jahr 2010 durchschnittlich 17,3 Tagesdosen pro Patient verordnet hat, waren es bei den Nervenärzten etwa 40,4 Tagesdosen.

Zusammenhang zwischen Alter des Arztes und Verschreibungen

"Auch das Alter eines Arztes hängt eng damit zusammen, wie oft er einen der Priscus-Wirkstoffe verschreibt", sagt Gisbert W. Selke, Arzneimittelexperte beim Wissenschaftlichen Instituts der AOK. "Je älter ein Arzt ist, desto häufiger verordnet er Wirkstoffe, die für ältere Patienten gefährlich werden können. Darüber hinaus verordnen männliche Ärzte häufiger Priscus-Wirkstoffe als ihre weiblichen Kolleginnen. Warum das so ist, lässt sich nur vermuten." So sind jüngere Ärzte vielleicht besser über die aktuellen Erkenntnisse über Besonderheiten von Arzneimitteln informiert.

Auch regionale Unterschiede hat die Untersuchung des AOK-Instituts ergeben, für die sich bisher jedoch keine rationale Erklärung gefunden hat: In den alten Bundesländern erhalten Patienten deutlich häufiger Wirkstoffe, die auf der Priscus-Liste stehen als in den neuen.

Zur Priscus-Liste:

Die Priscus-Liste wurde von einem Forschungsverbund aus mehreren Hochschulen in Deutschland entwickelt und 2010 zum ersten Mal veröffentlicht. Die derzeit noch gültige aktuellste Fassung stammt aus dem Jahr 2011. Sie führt zu jedem als ungünstig bewerteten arzneilichen Wirkstoff Alternativen auf, die Ersatzstoffe ebenso wie nicht-medikamentöse Therapien umfassen. Dabei haben die Wissenschaftler berücksichtigt, dass sich selbst risikoreichere Arzneimittel nicht immer vermeiden lassen. Für diesen Fall führt die Liste begleitende Maßnahmen auf, die das Risiko des Patienten für unerwünschte Nebenwirkungen verringern sollen.

Die aktive Ansprache der Ärzte ist laut AOK besonders wichtig, um auf das Problem der Medikamentengabe an ältere Patienten aufmerksam zu machen. Deshalb schreibt die gesetzliche Krankenkasse in einer Initiative beispielsweise gezielt Ärzte an, die stärker als ihre Fachkollegen zu Priscus-Arzneimitteln greifen, um sie für das Problem zu sensibilisieren.

Informationen zur Priscus-Liste und die Liste selbst findet man hier ...




- REFR / Online-Redakton serviceseiten50plus.de -
- Quelle: AOK-Bundesverband / priscus.net

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